Rumänienhilfe
Am 23. Dezember 1989 war ich bei meiner Mutter zu Besuch. Sie selbst war nachmittags zu einer Geburtstagsfeier aufgebrochen. Nach 18.00 Uhr wurden im Fernsehen Bilder aus Rumänien gezeigt. Dabei klingelt das Telefon. Eine mir fremde weibliche Stimme fragt, ob ich Johanes Amchewicz sei, weiter, ob ich Funkamateur bin. Dann die entscheidene Frage:"Sind Sie bereit, mit dem Deutschen Roten Kreuz an einer humanitären Hilfsaktion in Rumänien teilzunehmen?". Mein spontanes "Ja!" hat sie verunsichert und sie wiederholte die Frage. Nach meiner Bestätigung meinte sie, daß man mich nochmal anrufen würde. Das geschah nach wenigen Minuten. Nochmal die Frage und Bestätigung. Und wann ich aufbrechen könnte. Ich bat mir 2 Stunden aus - ich mußte ja erst nach Hause, ein paar Telefonate tätigen und meinen Koffer packen. Ich rief meine Mutter an und fragte vorsichtshalber, ob sie sitzt. Dann teilte ich ihr mit, daß ich mit dem DRK nach Rumänien fahren werde. Sie wurde ganz blaß, wie man mir hinterher berichtete. Ich wurde von einem DRK-Mitglied in Uniform abgeholt. Mit dem VW-Bus ging es nach Bonn-Meckenheim. Dort wurde ich DRK-Mitglied und eingekleidet. Frühmorgens ging der kleine Konvoi dann auf die lange Reise. Lange nach dem Einsatz habe ich herausgefunden, wie das DRK mich bei meiner Mutter aufgespürt hat. Das DRK hat den DARC gefragt, ob die nicht einen Funker kennen, der eventuell mit nach Rumänien fahren würde. Im DARC war Bernd Wiebus, DL1EAN als Rundspruchredakteur bekannt. Der hat dankend abgelegt und mich als wahrscheinlich willigen Kandidaten vorgeschlagen. Bernd kannte auch die Telefonnummer meiner Mutter...

Bericht im Deutschlandrundspruch 2/90 vom 19.01.1990

Bericht im Internetportal Funksignal am 23.12.1989
Internetportal Funksignal 29.12.1989 

Bericht im cqDL 4/90 S. 232f
cqDL 4/90 1  cqDL 4/90 2 

Bericht in beam 2/90
beam 2/90 1  beam 2/90 2 

Bericht in den Stuttgarter Nachrichten vom 19.02.1990
Stuttgarter Nachrichten 1  Stuttgarter Nachrichten 2  Stuttgarter Nachrichten 3 

Das "Internationale Komitee vom Roten Kreuz" (ab Januar 1991 durch die "Internationale Liga vom Roten Kreuz" - neuer Name: "Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften" - übernommen) hatten in der ungarischen Grenzstadt Mako ein Informationszentrum für die Rumänienhilfe aufgebaut. In der Schule durften wir in der Umkleidekabine unsere Hilfe anbieten. Auch nach den Ferien ruhte der Sportbetrieb. Die Antenne hing zwischen Schule und einem Kirchturm. Ungarn war sehr großzügig. Das Telefon war freigeschaltet. Mit den gesammelten Spenden der durchreisenden Helfer für diesen Service kauften wir der Schule später einen C64 mit Floppy-Laufwerk. Der Schulhof konnte als beleuchteter Parkplatz für die Hilfsttransporte benutzt werden. Durchreisende Helfer durften in der Turnhalle schlafen. In einer Nacht hatten wir einmal über 180 Helfer! Die große Küche für die 800 Schüler versorgte alle mit Essen.

Sylvester verbrachten die Helfer der meisten Hilfsorganisationen in Timisoara im Hotel Continental. Aber bald wurde das Büro des IKRK im Hotel Timisoara im Zimmer 525 aufgebaut. Es ist schon ein komisches Gefühl, unter bewaffneter Eskorte nach Abfrage der Parole einen schwankenden Antennenmast zu erklimmen und dort eine W3DZZ-Antenne als Inverted-V aufzubauen. Da wir keinen entsprechend dicken Bohrer zur Verfügung hatten, mußte das Koaxkabel durch das geöffnete Fenster geführt werden. Als Ergebnis war die Innentemperatur auf Außentemperaturniveau - minus 18° C. Die Eisblumen an den Fensterscheiben waren zentimeterdick und die Heizung funktionierte natürlich nicht. Ein Röntgengerät in Deutschland konnte durch Ermittlung einer geeigneten Empfängeraddresse vor dem Verschrotten gerettet werden - es wurde nochmal generalüberholt und als willkommende Spende nach Rumänien gebracht. Einem verzweifelten Ehemann konnte für seine geliebte Frau Insulin aus Deutschland beschafft werden.

Timisoara Timisoara/YO, Opernplatz

Mako 1  Mako 2  Mako 3 Mako/HA

Die MAR (Medical Assistance Radio)  hat sich stark in der Rumänienhilfe engagiert. Für mich z.B. haben sie täglich die Mutter angerufen und ihr von meinem Wohlbefinden berichtet und ihr Grüße ausgerichtet. Herzlichen Dank!!! Die MAR ist täglich auf 14,332MHz + - QRM in SSB qrv. CW-Rufe werden aber auch beachtet. Als Ausweichfrequenz dient 21,332 MHz und in Paket Radio läuft ein DL-Convers auf Kanal 1112.

Bericht DF9KN 1  Bericht DF9KN 2  Bericht DF9KN 3 

DL0RK-QSL  AFU-Diplom  DRK-Dank


im PR-Netz habe ich im September 1995 folgenden Bericht veröffentlicht:

Reisebericht YO

Seit einen Hilfseinsatz in YO (s. cqDL 4/90/232f) fahre ich jaehrlich nach YO. Das Visum ist fuer DM 50,- an der Grenze erhaeltlich. Vorher bei der Botschaft beantragt ist es teurer und man kommt mit Porto und Einschreibegebuehr auf fast die doppelten Kosten. Die Busfahrt Duisburg - Timisoara kostet DM 170,- und dafuer faehrt man mit den modernsten Bussen. Das Ticket fuer die Rueckfahrt in YO gekauft kostet DM 132,-. Eisenbahn ist teurer, ein Rueckflugticket Duesseldorf - Timisoara gibt es ab DM 540,-. Weil OE-Transitvisa fuer YOs zu umstaendlich sind, geht die Fahrt im Bus via OK und OM.

Auf der Hinfahrt habe ich Stefan, YO2BZ in Arad besucht. Er ist immer noch fuer das THW aktiv. 1991 wurde er mit der Goldenen Antenne ausgezeichnet. Stefan wird immer noch zum Dolmetschen angefordert und stellt wichtige Kontakte zu den Behoerden her.

YO hat die CEPT-Lizenz einseitig anerkannt. Die formlose Anmeldung kann laut Stefan auch entfallen. Das hat man ihm von zustaendiger Stelle aus zu verstehen gegeben.

Eine Rente ist von ca. 80.000Lei im vorigen Jahr auf nun 140.000Lei gestiegen. Ich habe eine Rentnerin kennengelern, die nur etwa 110.000Lei erhaelt. Ein Bauingenieur verdient ca. 400.000Lei. Aerzte werden sehr schlecht bezahlt. Ganz schlecht sieht es fuer Arbeitslose aus: fuer 6 Monate wird Arbeitslosengeld bezahlt. Wer dann noch keine Arbeit gefunden hat, erhaelt nochmals maximal 9 Monate lang eine Unterstuetzung. Danach gibt es von keiner Stelle mehr etwas! Dabei betraegt die Arbeitslosenquote in Timisoara etwa 8%. Stellenweise werden aber auch um die 20% im Land erreicht.

Der Kurs DM/Lei hat sich innerhalb eines Jahres von 1/1200 auf 1/1400 geaendert. Die Preise sprechen aber eine noch ganz andere Sprache. In YO ist mittlerweile fast alles und auch in guter Qualitaet ehaeltlich - allerdings zu Preisen wie in DL. Einige Beispiele:


Farbfernseher ab ca. 500DM
Fahrraeder ca. 500DM
Auto 30.000DM
12 Tage Indien 1200DM
1 l Benzin 600Lei
1 36er Farbfilm 11200Lei
1 Farbbildabzug 470Lei
1 Brot 300Lei
1 kg Weintrauben 1500Lei
1 Kiwi 850Lei
1 2l-Flasche Cola 3200Lei
1 Blatt Karton DIN A1 zum Zeichnen 2800Lei
1 Briefmarke fuer Auslandsbrief 1000Lei
Fleisch und Wurst ist sehr teuer
Stoff zum Schneidern ab 5000Lei bis ueber 30.000Lei je Meter
1 km mit dem Taxi 387Lei (grosse Konkurenz, nur 2 Minuten Wartezeit)

Ich habe Stefan beim Einkaufen begleitet: Zuerst wird das gesamte Angebot sondiert. Beim 2. Durchgang wird die 2. Qualitaet herausgepickt und um den Preis gefeilscht. Es tut weh, so etwas mit ansehen zu muessen.

Dabei liegt die offiziell fuer dieses Jahr erwartete Inflation bei 4,9%.

Wohl dem, der Verwandte auf dem Land hat oder der ueber Devisen verfuegt.

Dabei oeffnet sich die Schere zwischen den wenigen Wohlhabenden und der grossen Masse immer weiter.

Aus wirtschaftlicher Not hat Stefan ein selbstbezahltes, von Rolf besorgtes Funkgeraet wieder verkaufen muessen. Sein Icom-Geraet ist mittlerweile defekt, zuerst setzte der Empfaenger aus und nun ist auch noch der Sender gestorben. Mit ihm ist also vorerst nicht mehr auf KW zu rechnen.

In PR sieht die Situation guenstiger aus. Nachdem OMs aus Timisoara einen Digi fuer Ortsrunden missbraucht hatten, haben HAs qsy gemacht und den Link nach YO unterbrochen. Mittlerweile verfuegt Stefan ueber ein 70cm-Geraet. Das wird umgebaut und es wird ein Link OHNE Benutzerzugang nach HA8BV hergestellt. Die QRG 438,150MHz ist mit HA koordiniert und der Quartz duerfte mittlerweile bestellt sein. Stefan hofft, noch in diesem Jahr wieder in PR sicher erreichbar zu sein.

Ich war auch noch in den Karparten in verschiedenen orthodoxen Kloestern. (Eine sehr schoene Gegend, die das Zeug fuer grossen Tourismus hat. Doch wer faehrt schon nach YO?). Ein sehr spartanisches Leben bei zumeist kaltem und fleischlosem Essen. Eine Abendandacht dauerte so mal eben 2:30h. Die Vorbeter wuerden gute OPs beim Kontest abgeben. Zumindest habe ich nicht gedacht, dass so schnell gebetet werden kann. Wahrscheinlich wuerde sonst der ganze Tag fuer die Fuerbitten draufgehen. Natuerlich gibt es auch noch eine naechtliche Andacht von 2-5 Uhr! Bei den Moenchen kann man so einiges erleben. In ihren Arbeitskittel sehen sie eher wie Heizer auf einer Dampflock aus und sind durch die Arbeit auch genau so schmutzig. Ein Moench schlurfte in Schuhen dahin, die ihm ca. 10 Nummern zu gross waren. Ein etwa 80-jaehriger Moench schimpfte mit den Vorbeterinnen, tauschte sie aus und fand selbst erst nach stuermischen Blaettern die vorgesehene Stellen.

Die vom Kommunismus unterdrueckte Religion hat regen Zulauf. Viele Gotteshaeuser werden renoviert oder es werden gar neue gebaut.

Eisenbahnfahren in YO ist preisguenstig. Arad - Timisoara fuer 700Lei (60km). Rimnicu Vilcea - Timisoara kostet inklusive Accelerat-Zuschlag 5250Lei. Das Tempo ist allerdings eher gemaechlich. Da ich keinen Abstellplatz fuer Gepaeck entdecken konnte, habe ich einen grossen Koffer und einen noch groesseren Seesack auf die Doppelbank vor mir gelegt - es war genuegend Platz in den Doppelstockwagen vorhanden und ich wollte keine Stolperfalle auf dem Gang aufbauen. Das brachte den Schaffner auf die Idee, 2000Lei zusaetzlich fuer das Gepaeck zu kassieren.

Sibiu machte auf mich einen besseren Eindruck als z.B. Arad oder Timisoara. Alles wirkte sauberer und wohlhabender. Die Kleidung war im Durchschnitt von besserer Qualitaet und modischer, die Mehrzal der Autos war groesser und in besserem Zustand.

Fuer Stefans XYL suche ich noch Buecher in deutscher Sprache in Grossdruck und fuer Corina suche ich noch eine Overlock-Maschine. Sie steht mitten im vorgezogenen Designer-Examen und traeumt von einer Boutiqe mit eigener Fertigung.